Aktuelles
über die ortsnahe Zytostatika-Herstellung

Vorteile der ortsnahen Versorgung mit Zytostatika in unserem Verbund

Dr. Hermann Plötz, Bereichsleiter Apotheke Barmherzige Brüder
von Dr. H. Plötz, Bereichsleiter Apotheke | 01.08.2016

Zytostatika sind hocheffektive, aber auch sehr toxische chemische oder biologische Substanzen, die für schwerkranke Patienten individuell in den Krankenhausapotheken ad hoc hergestellt werden. Diese Substanzen sind zum Teil sehr kurz haltbar, so dass sie unmittelbar nach patientenindividueller Herstellung appliziert werden müssen. Beispielsweise müssen Bendamustin oder Decitabin sofort verwendet werden. Belimumab, Azacitidin, Cabazitaxel oder Bortezomib sind innerhalb von 1 bis 22 Stunden zu applizieren.

In der Straubinger und Regensburger Krankenhausapotheke sind in den letzten drei Jahren die Zytostatikaabteilungen neu gebaut worden. Sie erfüllen die aktuellsten Sicherheitsstandards, sowohl der Produktschutz als auch der Schutz der herstellenden Mitarbeiter sind auf höchstem Niveau gewährleistet.

Von der Straubinger Apotheke werden die stationären Patienten des Klinikums St. Elisabeth Straubing GmbH sowie die Patienten der beiden MVZ-Standorte Cham und Straubing versorgt. Durch der Regensburger Apotheke wiederum erfolgt die Versorgung der stationären und ambulanten Patienten des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Regensburg sowie die stationären Patienten des Krankenhauses St. Barbara Schwandorf und die Patienten des MVZ Innenstadt Schwandorf. Zusammen werden täglich ca. 150 Zubereitungen patientenindividuell hergestellt. Pro Jahr werden von beiden genannten Apotheken etwa 40.000  patientenindividuelle Zubereitungen in produziert.

Die ortsnahe Versorgung stellt sicher, dass die Zubereitungen exakt nach Freigabe durch die Onkologen hergestellt und geliefert werden. Dies bedeutet, dass die Ärzte die Patienten vor der Freigabe „sehen“  und dann gezielt die Zubereitungen patientenindividuell über den ganzen Tag hinweg verordnen können. Dies hilft ungemein, die teuren Verwürfe, die z.B. wegen kurzfristigem Absetzen der Therapie entstehen,  zu vermeiden. Zudem können wir auch ganz schnell auf Regimeänderungen wie z.B. Dosisreduzierungen reagieren. Nach der Herstellung werden die Rezepturen unmittelbar ausgeliefert, so dass auch die Organisation auf den Stationen, in den MVZs und in den Ambulanzen reibungslos verläuft.

Alle involvierten Bereiche sind über das Online-Portal Zenzy mit den Apotheken verbunden, so dass die Übertragung wichtiger Informationen sicher und schnell funktioniert. Zudem sind die Ansprechpartner in den zwei Apotheken bekannt und  immer kompetente Apotheker erreichbar. Die ortsnahe Versorgung lässt außerdem Eillieferungen oder Notfalllieferungen auch am Wochenende zu, damit Patienten auch samstags und sonntags die notwendigen Zytostatika bekommen können.

Es gibt aber nun seitens der Krankenkassen Bestrebungen, diese ortsnahe Versorgung mit Zytostatika abzuschaffen. Die AOKs in Hessen, Rheinland, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern haben bereits Ausschreibungen zur zentralen Zytostatikaversorgung abgeschlossen. Momentan führt die DAK eine bundesweite Ausschreibung durch. Dies bedeutet, dass in großen Gebieten nur noch eine Apotheke Zytostatika für die jeweilige Krankenkasse herstellen darf. Eine zeitnahe Versorgung ist damit nicht mehr gegeben.

Das größere Problem liegt jedoch darin, dass die onkologischen Praxen die patientenindividuellen Zytostatikazubereitungen von mehreren, zum Teil weit entfernt liegenden Apotheken erhalten, denn die Apotheke, die die DAK-Ausschreibung gewinnt, muss nicht zwangsläufig auch zum Beispiel die AOK-Ausschreibung gewinnen. Es ist davon auszugehen, dass der AOK und der DAK in den nächsten Monaten sicherlich auch andere große Kranken/Gesundheitskassen folgen werden.

Das Ergebnis wird sein, dass der behandelnde Arzt die Zubereitung je nach Krankenkassenmitgliedschaft des Patienten zu mehreren, verschiedenen Apotheken senden muss. Dabei muss er sich voraussichtlich auch verschiedener Verordnungssoftware bedienen, da nicht zu erwarten ist, dass die Beteiligten sich auf eine gemeinsame Software einigen werden. In diesem Versorgungsmodell ist zudem die Verordnung von Zytostatika, die unmittelbar nach Herstellung appliziert werden müssen, nicht mehr möglich. Dafür wird die Transportzeit zu lange sein. Außerdem lässt sich eine deutliche Zunahme der Verwürfe von nicht applizierten Zubereitungen wohl kaum vermeiden. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass die Onkologen zukünftig nicht mehr ad hoc bestellen können, sondern schon am Vortag die individuellen Rezepturen bei weit entfernt liegenden Apotheken ordern müssen. Auch die Arzneimittelsicherheit wird sich wohl kaum verbessern, wenn die Zahl der Ansprechpartner in den verschiedenen Apotheken zunimmt.

Wichtig ist es nun, den Markt in dieser neuen Situation genau zu beobachten und zu evaluieren, ob sich die Verabschiedung von der ortsnahen Zytostatikaversorgung wirklich lohnt. Vor allem im Hinblick auf das Patientenwohl, das immer über allen anderen Erwägungen stehen sollte.