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Spannungsfeld Intensivmedizin

von von Dr. med. Regina Birk, Chefärztin Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus St. Barbara der Barmherzigen Brüder in Schwandorf | 20.12.2018

Seit Jahren wird fleißig an allen Krankenhäusern der Barmherzigen Brüder in Bayern gebaut. „Intensivstationen braucht das Land“, die Menschen werden immer älter, aber auch kränker und die Intensivstationen sind überfüllt. In Zeiten einer heftigen Grippewelle, wie wir sie 2018 erlebt haben, mussten sich Intensivstationen abmelden, weil sie nicht mehr aufnahmefähig waren.

Aktuell werden an den Standorten München, Straubing und Schwandorf neue Intensivstationen mit Erweiterung der Bettenzahl gebaut, um für den steigenden Bedarf an Intensivbetten gerüstet zu sein. Das Haus in Regensburg durfte bereits vor wenigen Jahren eine neue Intensivstation einweihen.

Schön sollen sie werden, die neuen Stationen! Mehr Platz, mehr Technik, heller mit Lichtkonzepten, die den Tag/Nacht-Rhythmus imitieren. Einzelboxen, um Keime abzuwehren und Hygienemaßnahmen zu erleichtern. Neueste Beatmungsgeräte, die eine Beatmung schonender machen, Hämofiltrationsmaschinen, die ein Nierenversagen überbrücken können, Patientendatenmanagement, um alle Zahlen und Leistungen zu erfassen. Wir orientieren uns in unserem Handeln an Qualitätsindikatoren der entsprechenden Fachgesellschaften, alles leitliniengerecht, wissenschaftlich und ergebnisorientiert. Der Patient soll überleben und genesen.

Aber gelingt das immer? Nein! Der Wunsch nach einem langen Leben bei guter Gesundheit ist bei den meisten Menschen da. Gleichzeitig ist aber auch die Angst da  vor unnötigem Leiden durch Apparatemedizin. Und hier beginnt das Spannungsfeld auf der Intensivstation: Wann ist das Machbare in der Intensivmedizin auch sinnvoll im Sinne meines Willens? Wenn mein Lebensende naht, werde ich dann würdevoll und ohne Schmerz auch auf einer Intensivstation begleitet?

Hilfestellung und Lösungsansätze im Spannungsfeld der Intensivmedizin:

Wenn wir erkennen, dass all unsere Bemühungen nicht zu einem guten Ergebnis führen, wir den Patienten nicht heilen können oder die Therapie nicht in seinem Sinne wäre, müssen wir nach Lösungen und Hilfestellung suchen. Hier kommen unter anderem palliativmedizinische Ansätze und Therapien ins Spiel. Was heißt „palliativ“? Das Wort „palliativ“ kommt aus dem Lateinischen, „pallium“ der Mantel, „ummantelnd“, „lindernd“.  Bei dem Wort Mantel denkt man  vielleicht auch an die Geschichte des heiligen Martin, der seinen Mantel in zwei Teile schnitt, um einem frierenden  Armen damit zu helfen.

Intensivmedizin und Palliativmedizin haben viele Gemeinsamkeiten: wir erleben Grenzsituationen des Lebens mit hoher Hilfsbedürftigkeit, eine extrem emotionale Belastung von Patienten und Angehörigen, ein Auseinandersetzen mit Leben, Sterben und Tod.

Wenn nun also eine Heilung nicht möglich erscheint und eine palliative Behandlung notwendig wird,  versuchen wir, den kranken Menschen mit Leidenslinderung und Zuwendung weiter zu begleiten. Nun ist das behandelnde Team gefordert. Dieses besteht nicht nur aus Ärzten,  Pflegenden und Physiotherapeuten, sondern auch aus Ethikberatern, Psychologen  und Seelsorgern. Immer mehr Intensivmediziner haben Zusatzweiterbildungen wie  Schmerztherapie und/oder Palliativmedizin.  Auch bei Therapieverzicht oder Therapierückzug,  entscheidend ist, dass die umfassende ärztliche und pflegerische Betreuung nicht endet.  Möglicherweise geschieht die Betreuung weiter auf der Intensivstation, möglicherweise wird der Patient verlegt in eine geeignete Umgebung oder sogar nach Hause. Dies ergibt sich aus der jeweiligen Situation. Dabei beachten wir den Willen und Wunsch des Patienten. Sollte er seinen Wunsch nicht mehr äußern können, werden wir versuchen, seinem mutmaßlichen Willen zu entsprechen. Hier sind intensive Gespräche mit den Angehörigen oder dem Hausarzt wichtig. Hilfreich sind Patientenverfügungen oder Willensbekundungen, die der Patient zuvor gemacht hat.

Bei all unserem Tun vergessen wir nicht, auch für die Angehörigen in diesen schweren Zeiten da zu sein.

Wir müssen lernen, das Sterben auf der Intensivstation zuzulassen. Wir alle müssen lernen, uns mit unserem eigenen Lebensende auseinander zu setzen. Wenn wir ein würdevolles Sterben ohne Leiden wollen, müssen wir unsere Wünsche und Gedanken dazu kundtun. Also lasst uns darüber reden!