Aktuelles

Präoperative dekontaminierende Ganzkörperwaschungen

von Dr. Detlef Schoenen, Chefarzt Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie | 13.03.2020

Jeder medizinische Eingriff ist mit einem mehr oder weniger hohen Infektionsrisiko verbunden, und postoperative Wundinfektionen sind ein Problem aller chirurgischen Fachdisziplinen. Die Infektionsrate auf null zu reduzieren wäre wünschenswert, ist jedoch unrealistisch.

Präventive Hygienemaßnahmen können jedoch bei konsequenter Umsetzung dazu beitragen Wundinfektionen zu vermeiden.

 

Hintergrund

Postoperative Wundinfektionen gehören zu den häufigsten im Krankenhaus erworbenen Infektionen, dicht gefolgt von Harnwegs- und Atemwegsinfektionen (1). Bezogen auf die in Deutschland durchgeführten 13 Millionen Operationen kommt es jährlich zu ca. 220.000 postoperativen Wundinfektionen (2). Nach Angaben des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS) entwickeln sich pro 100 Operationen durchschnittlich 1,65 Wundinfektionen.

Neben etablierten Strategien und hygienegerechtem Verhalten zur Verhinderung eines Erregereintrages in die Wunde während und nach der Operation, zielt die moderne Krankenhaushygiene auch darauf ab, patientenbezogene Risiken präventiv zu beeinflussen.

Die Haut als natürliches Keimreservoir

Ein Großteil postoperativer Wundinfektionen lässt sich auf die patienteneigene Hautflora zurückführen. Auf jedem Quadratzentimeter gesunder Haut lassen sich bis zu 10 Millionen Keime finden. Diese körpereigene Hautflora trägt bei intakter Haut dazu bei, den Organismus vor Krankheitserregern zu schützen. Etwa 20 % der gesamten Hautflora ist in den tiefen Abschnitten der Haarfollikel angesiedelt. Diese Mikroorganismen sind auch durch eine chirurgische Hautdesinfektion nur schwer zu eliminieren. Sie bilden das Reservoir, aus dem sich die Hautflora nach der Desinfektion innerhalb von 24 bis 72 Stunden erneut bildet (3). Wird die intakte Hautbarriere durch einen invasiven Eingriff durchbrochen, können Bakterien der Hautflora in den Körper eindringen und eine Wundinfektion auslösen.

Aber auch außerhalb des eigentlichen OP-Gebietes liegende Errergerreservoire, wie eine Besiedelung der Nasenvorhöfe mit Staphylococcus aureus (Staph. aureus), stellen eine nicht zu unterschätzende Gefahr für das Entstehen von Wundinfektionen dar.

Präventive Hygienemaßnahmen, wie dekontaminierende Ganzkörperwaschungen mit speziellen Waschlotionen, können die Keimlast auf der Haut des Patienten vor einer geplanten Operation senken und dazu beitragen, das Risiko einer postoperativen Wundinfektion zu reduzieren.

 Evidenz präoperativer Waschungen

Generell wird eine präoperative Körperreinigung, wie sie aus hygienischen Gründen üblich ist, entweder am Tag der Operation oder am Abend davor als Ganzkörperbad oder Dusche empfohlen.

Zum Nutzen einer über die übliche Körperhygiene hinausgehenden präoperativen dekontaminierenden Ganzkörperwaschung mittels antiseptischen chlorhexidin- oder octenidinhaltigen Waschprodukten gibt es eine Reihe von Einzelstudien.

Im deutschsprachigen Raum stehen überwiegend Octenidin-basierte Präparate zur Verfügung, die in Wirksamkeit und Verträglichkeit Chlorhexidin sogar übertreffen und zur Ganzkörperwaschung verwendet werden können. Als antimikrobielle Nasensalbe kommt verbreitet Mupirocin oder Octenidin  zum Einsatz.

Derzeit gibt es in den Leitlinien unterschiedliche Empfehlungen zur präoperativen dekontaminierenden Körperwaschung. In den gültigen Empfehlungen aus Deutschland (KRINKO, Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut) wird grundsätzlich das Baden oder Duschen mit Seife vor einer Operation empfohlen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine präventive reinigende Waschung, mit oder ohne antiseptischer Seife (4) (5). Umfassende Studienanalysen konnten hingegen keinen eindeutigen Einfluss hinsichtlich der Wahl der Waschlotion auf die postoperative Wundinfektionsrate feststellen (4) (6).

Eine gezielte Dekontamination von nasalen Staph. aureus-Trägern ist für definierte chirurgische Eingriffe, darunter vornehmlich orthopädische Operationen, bereits in den Leitlinien zu finden. Studien zufolge weist eine nasale Besiedelung durch Staph. aureus im Vergleich zu nicht mit diesem Keim kolonialisierten Patienten, ein ca. fünfmal erhöhtes Risiko auf, eine durch Staph. aureus verursachte postoperative Wundinfektion zu entwickeln.

Die Rate von Staph. aureus verursachter Wundinfektionen kann erfolgreich mit Hilfe präoperativer Anwendungen antispetischer Nasensalben und chlorhexidin – oder octenidinhaltigen Waschlotionen reduziert werden (6). Die WHO empfiehlt, dass u.a. orthopädische Patienten mit bekannter Staph. aureus Kolonisation präoperativ eine intranasale Applikation einer antimikrobiellen Nasensalbe erhalten sollten, allein oder in Kombination mit Chlorhexidin-Körperwaschungen (4) (7).  

Fazit

Eine aktive Einbindung der Patienten in das präoperative Hygienemanagement erscheint in mehrfacher Hinsicht sinnvoll. Inwieweit grundsätzlich eine präoperative dekontaminierende Ganzkörperwaschung der normalen Körperhygiene mit Seife überlegen ist, bleibt ungeklärt.

Ein nachweislicher Nutzen der Ganzkörperdekontamination besteht in der Behandlung von Patienten mit nachgewiesener Staph. aureus-Besiedelung, deren Rate laut Robert Koch Institut immerhin zwischen 15% und 40% der gesunden Erwachsenen liegt (8).

In unserer Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie werden alle Patienten vor elektiven Eingriffen zur endoprothetischen Versorgung an großen Gelenken dazu angehalten, zu Hause am Vorabend zur OP eine dekontaminierende Ganzkörperwaschung mit der Octenisan®-Waschlotion in Kombination mit dem Octenisan® md-Nasengel, durchzuführen. Die Wasch-Sets werden unseren Patienten kostenlos zur Verfügung gestellt und bereits zur OP-Vorbesprechung mitgegeben.

 

Literaturverzeichnis

1. www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/healthcare-associated-infections-surgical-site-infections-annual-1

2. www.krankenhausinfektionen.info/ki-de/kikrankenhaus-infektionen/post-operative-wundinfektionen

3. de.wikipedia.org/wiki/Hautflora

4. www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(16)30398-X/fulltext

5. apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/250680/9789241549882-eng.pdf

6. www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Kommission/Downloads/Empfehlung_Wundinfektionen_2018-04.pdf

7. www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Kommission/Downloads/Empfehlung_Wundinfektionen_2018-04.pdf

8. www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Staphylokokken_MRSA.html