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Medizinische Versorgung von minderjährigen Flüchtlingen - Herausforderungen, Denkansätze, Lösungen

Prof. Dr. Michael Melter
von Prof. Dr. Michael Melter | 22.06.2016

Die aktuelle Flüchtlingssituation stellt die Gesundheitseinrichtungen in Deutschland vor eine große Aufgabe. Dies gilt auch für die KinderUniversitätsklinik Ostbayern (KUNO) an der Regensburger Klinik St. Hedwig und insbesondere deren KUNO-Kinder-Notfallzentrum. Pauschallösungen gibt es nicht. Fehlende Fremdsprachenkenntnisse sind noch das geringste Problem, mit dem Ärzte und Pflegemitarbeiter zu kämpfen haben. Hierfür zum Beispiel hat die Klinik St. Hedwig einen konkreten Ansatz gefunden. An der Bewältigung der anderen Herausforderungen muss allerdings überregional gearbeitet werden. Ein Runder Tisch könnte Lösungsperspektiven definieren.

Dieses Beispiel ist Alltag in bayerischen und deutschen Krankenhäusern: Als fünfköpfige Familie hatte die Flucht in Syrien begonnen. Unterwegs auf der gefahrvollen Reise verstarb das Baby. Die Mutter musste sterbend in der Türkei zurückgelassen werden. Der kranke Vater erreichte mit seinen beiden fünf- und achtjährigen Kindern Regensburg. Wegen Verdacht auf Tuberkulose wurde er in ein Krankenhaus im Regensburger Umland eingeliefert. Da die Erstaufnahme-Einrichtung befürchtete, dass die Kinder ebenfalls Tuberkulose haben könnten, wurden diese kurzerhand in die Kinderklinik St. Hedwig gebracht.

Herausforderung 1: Fremdsprache

Beide Kinder waren so verstört, dass sie ununterbrochen schrien. Der behandelnde Oberarzt bemühte sich redlich um die Kinder. Eine Untersuchung war unter den Umständen kaum möglich. Einen Telefonkontakt zum Vater herzustellen, war ebenfalls schwierig, denn dieser hatte das Telefon in seinem Krankenzimmer nicht angemeldet. Für einen syrischen Flüchtling ohne Fremdsprachenkenntnisse oder Dolmetscher auch ein Ding der Unmöglichkeit.

Da wöchentlich zig minderjährige Flüchtlinge ins KUNO-Kinder-Notfallzentrum kommen, arbeitet die Hedwigsklinik mittlerweile mit Übersetzungs-Apps. Diese helfen sehr zuverlässig beim Dolmetschen in unzähligen Sprachen. Das Krankenhaus hat zu diesem Zweck vier Tablet-Computer angeschafft. Die Qualität der App ist erstaunlich gut, aber für komplexe medizinische Fälle ist ein lizensierter Dolmetscher notwendig – auch aus rechtlichen Gründen. Darüber hinaus nutzt die Hedwigsklinik ein Online-Übersetzungsbüro mit Dolmetschern, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Das hat sich in der Zwischenzeit sehr bewährt, und erlaubt jederzeit eine sichere und hochwertige Übersetzung.

Herausforderung 2: Koordination und Betreuung

Die Geschichte der syrischen Familie zeigt ein weiteres Dilemma: Zwar waren die Kinder nicht an Tuberkulose erkrankt, aber wohin nun mit den Kindern nach dieser abschließenden Diagnose? Der Vater im Krankenhaus und eine Betreuungseinrichtung für die unmittelbare Versorgung – es geht  ja um mehr als nur deren Unterbringung - so junger Flüchtlingskinder ohne Eltern gibt es in Regensburg praktisch nicht.

Wie Kinder nach einer Krankenhaus-Entlassung zu ihren Eltern kommen, dafür gibt es derzeit keine Regelung, falls diese in einer Einrichtung leben. Es existieren keine Betreuer, die sich um solche Kinder kümmern und diese zum Beispiel aus dem Krankenhaus abholen können. Die bürokratischen Abläufe bei der Betreuung von Flüchtlingskindern und deren Familien sind nicht generell geregelt. Es gibt keine Lotsen, Kümmerer oder Organisatoren. Hier besteht dringend Handlungsbedarf. Ein Runder Tisch, an dem sich Kinder- und Jugendärzte, Allgemeinärzte, die Krankenhäuser, die Jugendämter und weitere Behörden und Einrichtungen sowie politische Vertreter gemeinsam zur Klärung der Situation bemühen, wäre ein erster Ansatz, um den akuten Problemen wirksam zu begegnen.

Herausforderung 3: Ambulante medizinische Versorgung

Momentan wird ein Großteil minderjähriger Flüchtlinge, bei denen Verdacht auf eine Erkrankung besteht, in ein Krankenhaus geschickt. Das sprengt allerdings auf Dauer das Krankenhaus-System in Deutschland. Ein Kind mit Durchfallerkrankung muss nicht ins Krankenhaus. Hier ist es notwendig, neue Wege zu gehen. Eine Möglichkeit wäre es, in den Einrichtungen eine Art Krankenstation einzurichten, wo Patienten nicht nur eine Erstuntersuchung, sondern sofern vertretbar auch Behandlung bekommen und wo entschieden wird, ob diese tatsächlich in ein Krankenhaus müssen. Unter den Flüchtlingen befinden sich auch Ärzte und Krankenschwestern, warum also diese nicht aktiv in solchen Krankenstationen einsetzen?

Dies erfordert allerdings ein pragmatisches und unbürokratisches Vorgehen. Es macht keinen Sinn, dass ausländische Ärzte erst eine offizielle ärztliche Zulassung bekommen müssen. Das dauert zu lange. Eine einfache Arbeitslizenz für die betroffenen Ärzte und Krankenschwestern mit der Erlaubnis, unter der Leitung eines approbierten Arztes auf  einer solchen Krankenstation eingesetzt werden zu dürfen, würde vorerst reichen, um die dringend benötigte Abhilfe zu schaffen. Es ist auch nicht zwingend nötig, in den Krankenstationen die gleichen Hygiene-Vorschriften zu erfüllen, wie in Hochleistungs-Krankenhäusern. Die Vorgaben, wie sie auch für eine Arztpraxis gelten, sind vollkommen ausreichend

Herausforderung 4: Unbekannte, seltene Erkrankungen

In der Klinik muss man auf verschiedenste Erkrankungen vorbereitet sein, von denen die Flüchtlinge betroffen sein können. Auch solche, die es bei uns kaum mehr gibt. Unter den Flüchtlingen sind regelmäßig Fälle von Tuberkulose. Für andere, bei uns „ungewöhnliche“  Krankheiten wie die Folgen schwerer Mangelernährung, Kinderlähmung oder Typhus gilt es gewappnet zu sein. Für die einheimische Bevölkerung besteht dabei keine akut erhöhte Gefahr. Die meisten Erkrankungen werden über Schmierinfektionen übertragen. Das Risiko liegt daher in den Massenunterkünften. Aber Impfungen nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission sind auch für die Menschen in der Region nach wie vor wichtig.

Die seltenen Erkrankungen sind vor allem eine Herausforderung für die Ärzte. Die richtige Schulung ist dabei das A und O. Denn wer hat schon mal eine Aleppobeule diagnostiziert? Selbst Masern auf einer pigmentierten Haut zu erkennen, ist für hiesige Ärzte nicht trivial. Neben den Infektionskrankheiten sind genetische Erkrankungen der Asylsuchenden eine weitere Herausforderung. Die Quote liegt bei den Flüchtlingen viel höher als bei uns. Diese Erkrankungen können in den Herkunftsländern oftmals nicht behandelt werden, bzw. sie werden dort erst gar nicht erkannt.

Prof. Dr. Michael MelterKlinikdirektor und Chefarzt | Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Klinik St. Hedwig, Regensburg

Medizinisch sinnvoll helfen kann man den Kindern meist nur, wenn auch eine dauerhaft gesicherte medizinische Nachsorge garantiert wird. Doch ist dies in den ungewissen Zeiten mit einem ungesicherten Flüchtlingsstatus überhaupt möglich?