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Das KUNO-Kindernotfallzentrum an der Klinik St. Hedwig in Regensburg: Strukturen, Abläufe, Unterschiede

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Prof. Dr. Michael Melter und Dr. Patrick Kwiatkowski, beide Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Klinik St. Hedwig, Regensburg
von Prof. Dr. Michael Melter und Dr. Patrick Kwiatkowski, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Klinik St. Hedwig, Regensburg | 14.02.2017

Im KUNO-Kindernotfallzentrum in Regensburg werden jährlich knapp 30.000 Kinder und Jugendliche versorgt. Bei kontinuierlich steigender Tendenz hat sich die Patientenzahl damit innerhalb weniger Jahre fast verdoppelt. Ein Großteil der Patienten bedarf lediglich einer ambulanten Behandlung und kann nach dieser gleich wieder nach Hause gehen. Lediglich circa 10 Prozent der Patienten sind so schwer erkrankt, dass sie in die Klinik aufgenommen werden müssen. Seit Jahren nimmt dabei vor allem das Patientenaufkommen in den Abendstunden und bis tief in die Nacht, also dann, wenn die Praxen schließen, stark zu. Derzeit beträgt es etwa 50 Prozent. Auch um diese Zeit nimmt der Anteil an stationär aufgenommenen Patienten nicht wesentlich zu. Dies zeigt, dass nicht die Krankheitsschwere oder Dringlichkeit den abendlichen Besuch im KUNO-Notfallzentrum steuern, sondern andere, nicht primär medizinische Gründe.

Um höchsten Anforderungen an ein modernes, speziell auf Kinder und Jugendliche ausgerichtetes Notfallzentrum gerecht werden zu können, wurde das KUNO-Notfallzentrum im Jahr 2010 vollständig umgebaut und neu gestaltet. Alle Räume wurden kindgerecht mit sämtlichen notwendigen Gerätschaften und Anschlüssen (beispielsweise Sauerstoff) ausgestattet. Darüber hinaus entstanden spezielle Räumlichkeiten, etwa für die Liegendaufnahme, die Wundversorgung oder zum Gipsen von Brüchen. Neben einer freundlichen Atmosphäre mit bunten Möbeln und ausreichend Spielsachen, wurden separate Wartezimmer für infektiöse und nichtinfektiöse Patienten geschaffen. Bereits in der Notaufnahme können durch moderne Untersuchungsmethoden wie zum Beispiel immer verfügbare Labor- oder Ultraschalluntersuchungen wichtige Erkrankungen unmittelbar erkannt oder ausgeschlossen werden.

Interdisziplinäre Abläufe

Die Ausstattung und Einrichtung ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere – mindestens ebenso wichtige – ist die Qualität der interdisziplinären medizinischen Abläufe und Prozesse über alle beteiligten Kliniken (insbesondere Kinder- und Jugendmedizin sowie Kinderchirurgie) und Berufsgruppen. Im Zentrum steht dabei immer das erkrankte Kind. Die Abläufe sind so organisiert, dass das am schwersten erkrankte Kind mit der höchsten Dringlichkeit versorgt wird. Hierzu wird die Schwere der Erkrankung unmittelbar nach Eintreffen in das Notfallzentrum durch eine speziell geschulte Krankenpflegekraft anhand eines international erprobten Systems (Manchester Triage System, MTS) erhoben. Um die höchste medizinische Qualität in der Versorgung nachhaltig gewährleisten zu können, werden die im Notfallzentrum tätigen Kinderärzte und Kinderchirurgen kontinuierlich und nach einem einheitlichen, fachübergreifenden Konzept für die interdisziplinäre Tätigkeit im KUNO-Notfallzentrum weitergebildet. Auf diese Weise gelingt es, selbst „Stoßzeiten“ in einem der beiden Fachbereiche – klassischerweise im Sommer in der Kinderchirurgie und im Winter in der Kinder- und Jugendmedizin – merklich abzumildern. Hierzu steht im KUNO-Notfallzentrum der Klinik St. Hedwig rund um die Uhr ein Team aus mindestens einem Kinder- und Jugendarzt, einem Kinderchirurgen und vier Pflegekräften zu Verfügung.

Kindliche Notfälle gleichen nicht denen von Erwachsenen

Warum aber so aufwendig extra ein Kinder-Notfallzentrum und nicht einfach ein zentrales Notfallzentrum für alle Patienten? Zu den häufigsten Notfällen bei Erwachsenen gehören Gefäßerkrankungen wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall. Im Gegensatz dazu, kommt es in Kinder-Notfallzentren zu Herzinfarkt oder Schlaganfall allenfalls bei den Behandlern, aber nur äußerst selten bei den kindlichen Patienten. Dafür sind beispielsweise der „Krupp-Husten“ und der Fieberkrampf häufige, bedrohlich wirkende akute Erkrankungen im Kindesalter. Bei diesen, ebenso wie bei vielen anderen der akuten kindlichen Notfälle, ist aber im Gegensatz zu den Erkrankungen im Erwachsenenalter ein Vorgehen mit Bedacht und „ruhiger Hand“ von Vorteil.

Standarisierte Notfall-Abläufe, wie sie für Erwachsene oft lebensnotwendig sind, können gegebenenfalls bei Kindern sogar schaden. Zum Beispiel, dass beim relativ „harmlosen“ Fieberkrampf in Erwachsenen-Notfallzentren oft eine Computertomographie-Untersuchung des Gehirns mit hoher Strahlenbelastung durchgeführt wird. Eine solche ist zwar beim Schlaganfall, nicht aber beim Fieberkrampf sinnvoll. Nicht selten haben derart unnötige Untersuchungen aufgrund fehlender Kooperationsbereitschaft der Kinder auch nur eine begrenzte Aussagekraft und müssen im Zweifel sogar mehrfach durchgeführt werden. Daher sind eine umfassende Kenntnis der kindlichen Differentialdiagnosen und ein im Umgang mit Kindern geschultes Team unerlässlich für eine sichere und zeitgemäße Behandlung von Kindern und Jugendlichen.

Doppelter Zeitaufwand bei Kindern

Der häufig verwendete Begriff der „Manpower“ nimmt in der Kindernotaufnahme eine ganz andere Rolle ein. Jede Untersuchung und jeder Eingriff dauert ungleich länger als bei einem Erwachsenen. Denkt man an eine „einfache“ Blutentnahme, werden in der Regel zusätzlich zum Arzt ein bis zwei Pflegekräfte zum Festhalten der kleinen Patienten benötigt. Darüber hinaus bedarf es einer beruhigenden Ansprache und Atmosphäre, um Ängste bei Kindern und Eltern abzubauen. Die Eltern sind häufig sehr beunruhigt und haben einen ausgesprochenen Informationsbedarf. Während also bei einem Erwachsenen die Pflegekraft einen Zugang in wenigen Minuten alleine anlegt, hat man es bei einem pädiatrischen Patienten in der gleichen Zeit gerade mal geschafft, die Eltern über die Notwendigkeit des Eingriffs zu informieren. Mit anderen Worten, die Therapie und Aufklärung betreffen nicht nur den unmittelbaren Patienten, sondern auch die Eltern. Jeder Arzt der einmal einer besorgten Mutter oder einem besorgten Vater gegenüber stand, weiß von der Komplexität der Situation zu berichten.

Eine Kindernotaufnahme mit Patienten von 0 bis 17 Jahren ist somit eine komplexe Versorgungseinheit. Dabei muss das gesamte Team mit den spezifischen, altersrelevanten Diagnosen und Bedürfnissen vertraut und im Umgang mit Kind und Eltern geschult sein. Eine gute Balance zwischen notwendiger und verzichtbarer Diagnostik und Therapie ist unverzichtbar. Diese Aufgabe wird durch die zunehmende Verlagerung in den ambulanten Versorgungsbereich immer vielschichtiger und bedarf einer hohen spezifischen Fachkenntnis der Kinder- und Jugendmedizin bzw. der Kinderchirurgie.