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Ernährung im Alter

von Dr. Stefanie Martin, Leitende Ärztin Sektion Geriatrie, Krankenhaus Barmherzige Brüder München, Fachärztin für Innere Medizin/Geriatrie, Ernährungsmedizinerin DAEM/DGEM | 25.03.2019

Unsere tägliche Ernährung ist in den letzten Jahren zunehmend „in aller Munde“. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat klare, einfache Empfehlungen für die tägliche Ernährung herausgegeben („10 Regeln der DGE“). Darunter mischen sich in unserer Gesellschaft viele populärwissenschaftliche Informationen und „modische“ Ernährungstrends.

 

Was ist im Alter anders?

Insbesondere im Alter hat Ernährung einen wichtigen Stellenwert. Mangelernährung ist im Alter sehr häufig. Bis zu zwei Drittel älterer Patienten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sind betroffen. Mangelernährung birgt ein hohes Risiko für funktionelle Einschränkungen durch Schwäche und Stürze.

Lieber häufiger und dafür weniger

Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung des Ernährungszustandes älterer Menschen ist bereits die Verteilung der Mahlzeiten über den Tag. Standardportionen werden häufig als zu groß empfunden. Dann können die Verteilung der Mahlzeiten auf häufigere und kleinere Portionen und das Angebot von Zwischenmahlzeiten hilfreich sein.

Die Augen essen mit und was ist mit den Zähnen?

Die abnehmende Sehfähigkeit im Alter und ein verändertes Farbsehen bedingt, dass Rot die Farbe ist, die am besten wahrgenommen wird. So lässt sich beispielsweise ein Grießbrei, der in seiner hellen Naturfarbe im weißen Gefäß nahezu unsichtbar ist, mit roter Marmelade einfach sichtbar machen.

Der Blick in den Mund kann bei schlecht sitzender oder fehlender Zahnprothese oder schmerzenden Druckstellen eine Mangelernährung erklären. Dann sollte der Zahnarzt zu Rate gezogen werden.

Muskelmasse baut sich im Alter ab

Altersphysiologische Veränderungen wie eine relative Abnahme der Muskel- und Zunahme der Fettmasse kommen auf jeden Menschen im Alter zu. Durch den Abbau von Muskulatur („Sarkopenie“) steigt das Risiko für Stürze. Daraus kann eine Einschränkung der Funktionalität resultieren, die die Autonomie des Patienten gefährden kann.

Der wichtigste Baustein unserer Muskulatur ist Eiweiß. Daher kann mit eiweißreicher Ernährung aus Hülsenfrüchten, Fisch, Fleisch, Eiern sowie Milch- und Getreideprodukten und begleitendem körperlichen Training dem Abbau von Muskulatur entgegengewirkt werden. Die Ernährungsempfehlungen raten bei älteren Patienten zur erhöhten Eiweißzufuhr von 1,2 bis 1,5 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht. Beispiel: Eine Frau mit 60 kg sollte mindestens 72 g Eiweiß am Tag essen. Eine kleiner Joghurt (150 g) enthält gerade mal 5 g, eine Scheibe Hartkäse (30 g) 8 g und 100 g Fisch 22 g Eiweiß.       

Osteoporose erhöht das Risiko für eine Fraktur

Darüber hinaus stellt die Osteoporose ein großes Risiko für eine Fraktur dar. Gerade zur Vorbeugung gegen Osteoporose ist eine Calcium- und Vitamin-D-reiche Ernährung neben ausreichend viel körperlicher Bewegung wichtig.

Empfohlen wird eine Zufuhr von 1000 mg Calcium pro Tag. Calcium findet sich in hohem Maße in Milchprodukten, insbesondere in Hartkäse (z.B. Parmesan, Emmentaler) und grünem Gemüse. Der Tagesbedarf lässt sich z.B. durch 150 ml Milch, 1 Becher Naturjoghurt (250 g), 2 Scheiben Käse (60 g) und einer Portion Brokkoli (200 g) decken.

Vitamin D ist in erster Linie in Seefisch (z.B. Hering, Lachs, Makrele, Thunfisch), aber auch Eigelb enthalten. Zudem ist Sonnenlicht notwendig, um die körpereigene Vitamin-D-Produktion anzukurbeln.

Eisenmangel macht blutarm und schwach

Eisen ist ein wichtiger Baustein unseres Blutes. Ein Mangel kann eine Blutarmut verursachen. Diese macht Patienten schwach und kann wiederum das Risiko für Stürze mit  Verletzungsfolgen erhöhen.

Eisen findet sich nicht nur in Fleischprodukten, sondern auch in z.B. Hülsenfrüchten, Hirse und Nüssen.

Hat Demenz Einfluss auf Ernährungsgewohnheiten?

Bei zusätzlichen demenziellen Erkrankungen können Geschmacksveränderungen die Nahrungsaufnahme zusätzlich beeinflussen. Die Geschmacksrichtung „süß“ wird häufig als angenehm und schmackhaft wahrgenommen. So kann ein mit Honig oder Ketchup gesüßtes Schnitzel besser ankommen als ein normal gewürztes, das schnell als „fad“ empfunden wird.

Wichtig zu wissen ist zudem, dass Demenzerkrankte einen erhöhten Kalorienbedarf von bis zu 3000 kcal/Tag haben können. So können nächtliche Unruhe und „Umherwandern“ Zeichen von Hunger sein, der bei fortgeschrittener Demenz nicht mehr verständlich mitgeteilt werden kann.

Auch kann Nahrung, die in kleinen Stücke als „Fingerfood“ vorbereitet ist, leichter zu sich genommen werden, wenn der Umgang mit Besteck bei fortgeschritten Demenzerkrankten nicht mehr adäquat möglich ist.

 „Astronautenkost“ kann unterstützen

Bei unzureichender Zufuhr von Energie kann Nahrung mit Sahne, Öl, Butter oder auch Nüssen / Nussmus angereichert werden. Zusätzlich können eiweißreiche, hochkalorische Nahrungssupplemente (z.B. Trinknahrung) helfen, den notwendigen Bedarf zu decken.

Fazit

Mangelernährung im Alter ist sehr häufig. Die Gründe dafür sind vielfältig. So kann ein schlechter Zahnstatus oder eine schlecht sitzende Prothese genauso zu einem reduzierteren Ernährungszustand beitragen wie eine Demenzerkrankung.

Im Alter liegt der Fokus bei Ernährung insbesondere auf Eiweiß- und Calciumgehalt sowie ausreichende Vitamin D-Zufuhr. Aber auch die Kalorienzufuhr insgesamt ist im Alter häufig zu gering. Dann können Speisen mit kalorienreichen Komponenten (Nüsse, Sahne, Butter, Öl) angereichert werden.

Essen und Trinken ist für die meisten Menschen ein wichtiger Beitrag zur Lebensqualität und gegessen werden darf, was schmeckt!