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Gedanken eines Palliativmediziners

Ärztlich Assistierter Suizid

Von Priv.-Doz. Dr. Marcus Schlemmer, Chefarzt Klinik für Palliativmedizin am Barmherzige Brüder Krankenhaus München
von Priv.-Doz. Dr. Marcus Schlemmer, Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin am Krankenhaus München | 22.03.2017

Patienten, die sich wünschen zu sterben, sind in der Regel schwer krank. Ihre Krankheit führt zum Tod und die Palliativmedizin steht dafür ein, dass Sterben ein würdevolles Sterben ist. Die Kunst, den Tod nicht heraus zu zögern und ein Leiden für die Menschen erträglich zu machen, ist die palliativmedizinische Kunst. Viel zu oft verlängern wir Ärzte das Sterben und das ist würdelos.

Wenn die häufigsten Motive für einen selbstbestimmten Tod Einsamkeit und die Angst vor den Apparaten der Mediziner sind, dann müssen wir Ärzte das sehr ernst nehmen. Wir müssen uns fragen, warum wir unseren Patienten nicht nachhaltig vermitteln können, dass ihre Wünsche, ihre Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht besonders am Lebensende respektiert werden. Wir müssen uns fragen, warum bei aller Informiertheit der modernen Gesellschaft gerade hier den Betroffenen Informationen und Zutrauen zu uns Ärzten fehlen. Wir müssen uns fragen, ob wir in der Ausbildung von Ärzten den Schwerpunkt nicht noch stärker auf den Mittelpunkt allen ärztlichen Handelns, nämlich den Menschen, fokussieren müssen. Der kranke Mensch mit seiner Freiheit, Dinge zu wollen oder nicht zu wollen, Therapien zu erhalten oder abzulehnen, muss der Mittelpunkt sein und nicht seine Erkrankung.

Patienten und Angehörigen die Angst nehmen

Sprechen wir unseren Patienten gegenüber aus, dass sie sich nicht zwingen müssen zu essen, ist das oft eine große Erleichterung für die Betroffenen. Die nächsten Angehörigen sind diejenigen, die mit solchen Entscheidungen des Patienten emotionale Schwierigkeiten haben. Die empathische Kommunikation, das Erklären der Bedürfnisse von Sterbenden und Zeit für die Angehörigen muss ebenfalls zu der ärztlichen Kunst gehören, wie die Therapie von Symptomen. Wenn die Möglichkeiten der Palliativmedizin ausgeschöpft werden, Leiden so zu verringern, dass Patienten damit gut leben und sterben können, nimmt es den Patienten und ihren Angehörigen Angst; Angst vor Autonomieverlust, Angst vor Schmerzen und unerträglichem Leid, Angst vor Ausgeliefertsein - Sterbehilfe im besten Sinne des Wortes. Das Hören des Arztes auf die Bedürfnisse des Patienten, das Zuhören und eine offene Kommunikation über Sterben ist ärztliche Kunst.

Gesellschaft trägt Mitverantwortung für Suizide

Suizid ist meist das Ergebnis von Verzweiflung, Einsamkeit oder Angst. In Deutschland töten sich mehr als 10.000 Menschen jährlich, ca. 100.000 versuchen es. Das sind zu viele. Wir müssen uns als Gesellschaft selbstkritisch darüber Rechenschaft geben, dass wir Mitverantwortung dafür tragen. Die Untersuchungen zum sogenannten Alterssuizid legen nahe, dass es sich in den meisten Fällen um einen Bilanzsuizid handelt. Alte Menschen, die vereinsamen und sich aus dem Gefühl „Ich bin zu nichts mehr von nutzen“ selbst töten, mahnen uns, die Defizite unseres sozialen Miteinanders zu überdenken. Diesen Menschen würden wir durch das Angebot eines ärztlich assistierten Suizids nahelegen, sich selbst zu töten. Vielleicht würden wir auf sie sogar einen gewissen Druck ausüben. Patienten mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen hingegen wünschen sich oft sterben zu können oder zu dürfen, die wenigsten möchten sich selbst töten. Denn: Das Angebot einer menschenwürdigen Medizin am Lebensende und die Erfahrung von aufopfernd arbeitenden Pflegenden umsorgt zu werden lässt bei fast allen Patienten den Suizidwunsch verblassen.

Auch Angehörige in den Blick nehmen

Wenn Patienten mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen sich wünschen zu sterben ist das nicht nur medizinisch sondern auch menschlich verständlich. In vielen Fällen sind Erkrankungen unheilbar und töten Menschen, allen modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz. Dann sollten die Mediziner vom Bett des Kranken zurücktreten, eine Operation oder eine Chemotherapie zum Wohle des Patienten weglassen und einen natürlichen Tod zulassen. Das geschieht oft zu spät im Krankheitsverlauf und fällt Ärzten immer wieder schwer.

Sterben ist schmerzlich; wenn nicht für die Patienten, für die Sterben zu können das Ende von Leiden bedeutet, dann für ihre Angehörigen, die einen geliebten Menschen gehen lassen müssen. Die Angehörigen werden immer noch viel zu selten in den Blick genommen, auch in der Diskussion um den ärztlich assistierten Suizid.

Priv.-Doz. Dr. Marcus Schlemmer

Die Kunst, den Tod nicht heraus zu zögern und ein Leiden für die Menschen erträglich zu machen, ist die palliativmedizinische Kunst.